
Irgendwas ist aktuell faul in der Beziehung zwischen Mensch und Hund. Es ist, als wäre Sand im Getriebe dieser uralten Freundschaft - und dieser Sand verhindert den vernünftigen Umgang mit dem Hund und fördert Extreme: Für den einen ist der Hund nur noch ein austauschbares Lifestyle-Dingsbums und für den anderen ein ungesund vermenschlichter Kinderersatz. Beides wird dem Hund jedoch in keiner Weise gerecht, denn der Hund ist viel mehr als nur ein Haustier, er ist Teil unserer Menschwerdung.
Mensch und Hund haben schon immer ein sehr besonderes Verhältnis. Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen und seine Domestikation begann bereits vor Urzeiten. Irgendwann einmal in der Steinzeit hat der Wolf mit dem Menschen einen Vertrag abgeschlossen, einen Vertrag mit sehr klarer Rollenverteilung: Der Wolf ist der Dienstleister und dafür bekommt er vom Menschen, soweit möglich, einen warmen Schlafplatz und einen vollen Bauch. Manchmal auch Lob oder Streicheleinheiten, wenn der Wolf seinen Job gut gemacht hat.
Diesen Vertrag gibt es noch, allerdings ist aus dem Wolf inzwischen der Hund geworden. Der Hund versteht im Gegensatz zu seinem Vetter Wolf die Zeigegesten des Menschen und wird sogar mit dem Verständnis für die menschliche Sprache geboren. Das, was den Hund jedoch am stärksten vom Wolf und jedem anderen Tier abhebt, ist seine Fähigkeit zur Empathie, also seine Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken. Ohne dieses Einfühlungsvermögen für das Gegenüber wäre weder die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund möglich, noch eine effektive Arbeitsteilung zwischen beiden.

Die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund ist uralt: Bereits die ältesten Relikte menschlicher Kultur bergen erste Spuren von Hundehaltung. In Schweden wurde einst das 8400 Jahre alte Grab eines Hundes entdeckt. In diesem Grab befand sich auch Spielzeug für den Hund als Grabbeigabe. Versteht ihr? Zu einer Zeit also, in der der Aufgang der Menschheit am Horizont erst leise zu dämmern begann - lange vor den Pyramiden, dem Rad und dem Buchdruck - in dieser weit, weit entfernten Zeit wurde bereits ein kleiner Hund so liebevoll wie ein menschliches Familienmitglied von seinen Angehörigen beerdigt.
Grundsätzlich wurde der Hund von allen vorgeschichtlichen Kulturen wie den Germanen, Assyrern und Ägyptern hochgeachtet und daher wurde er eben auch entsprechend ehrenvoll beigesetzt, denn man verdankte dem Hund so vieles. Hunde als Helfer waren eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen: Ohne Hütehunde keine Viehhaltung, ohne Wachhunde keine Feldwirtschaft und kein verteidigter Privatbesitz, der ja die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft bildet. Der Hund war nicht wegzudenken als Schutzhund, der sich sehendes Auges für seinen Herren in den Tod stürzte, als Jagdgehilfe, als Hüter der Herden, als billiges Lasttier, als Müllabfuhr, als Wärmequelle in bitterster Kälte – und in Notzeiten auch als lebendige Fleisch- und Pelzreserve. Erst durch die Hilfe des Hundes bei der Jagd konnte der Mensch mehr Beute machen und ergo mehr Fleisch zu sich nehmen. Die Eiweiße aus diesem Fleisch waren maßgeblich für die Weiterentwicklung des menschlichen Gehirns und somit für die Weiterentwicklung des Menschen.

Ich möchte meine Ausführungen nochmal verdeutlichen: Der Hund hat also einen so unfassbaren Beitrag zur Entwicklung des Menschen geleistet, dass es diese Entwicklung ohne seine Hilfe so vermutlich gar nicht gegeben hätte. Wie stünde der Mensch heute da, wären Hof, Fuhrwerk, Ernte und Vieh ohne effektiven und preisgünstigen Schutz durch den Hund geblieben?
Man sagt, der Hund wurde vom Menschen domestiziert, was irgendwie impliziert, dass der Mensch den Hund seinem Willen unterworfen hat. Das ist aber so nicht richtig, der Hund wurde nicht vom Menschen unterjocht, sondern Freiwilligkeit war sein Antrieb. Der Hund war ebenso Handelnder wie der Mensch. Der Hund würde zu keiner seiner Aufgaben taugen, wenn er sich nicht freiwillig und aus eigener Überzeugung in seine Menschenfamilie und in seine Aufgaben einbinden würde.

Heutzutage hat man jedoch längst vergessen, welche Leistungen der Hund dem Menschen über die Jahrtausende gebracht hat. Längst ist vergessen, dass der Hund immer einen Platz inmitten der Menschen hatte. Längst ist vergessen, dass der Hund wie kein anderes Tier an die Seite des Menschen gehört, und das im Leben wie im Tod. Wer also den Hund verstehen will, der muss verstehen, dass das natürliche Biotop des Hundes weder der Wald, noch die Wildnis ist, sondern die Nähe des Menschen. Der Mensch selbst ist der Hauptschlüssel zum Verständnis des Hundes.
Der aktuelle Umgang mit dem Hund tendiert leider dahin, den Hund wieder wie im Mittelalter auszugrenzen und an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Obwohl hier in der Stadt wirklich jeder seinen Dreck überall hinschmeißt, ist Hundekacke scheinbar die Geißel der Menschheit. Der Hund wird schlicht zur Kackmaschine reduziert. Menschenscheiße, Pferdescheiße, Fuchskacke, Katzenkacke, Vogelkacke überall - aber der Hund ist DAS Problem. Da werden Grünflächen vor den Mietshäusern extra umzäunt, damit der Hund sich dort nicht mehr erleichtern kann. Nur wo genau soll er denn dann hinmachen? Menschen, die sonst das Maul nicht aufkriegen, wachen mit Argusaugen darüber, dass ich auch ja den Knödel mitnehme! Am besten noch bevor dieser überhaupt den Boden berührt.

Mit Hund muss man auf jeden Deppen Rücksicht nehmen, jedoch nimmt kaum jemand Rücksicht auf den Hund. Da muss man als Hundehalter aufpassen, dass Radfahrer, die auf dem Fußweg fahren, auf dem sie nichts zu suchen haben, einem den Hund nicht über den Haufen fahren. Hundesteuern finanzieren diverse Jobs und auf dem Rücken der Hunde bereichert sich ein riesiger Industriezweig wie der der Futterhersteller, Hundetrainer, Tierärzte, Pharmaindustrie, Hersteller für Hundezubehör und Spielzeuge und so weiter. Wollen wir hingegen mit dem Hund im Hotel übernachten, kassieren diese durchaus mal unverschämte 50 € pro Nacht pro Hund, denn der Hund ist ja so ein unfassbar dreckiges Tier. Wollen wir mit einem Hund Bahn fahren, müssen wir eine Menschen-Fahrkarte für ihn kaufen, ein Anrecht auf einen Liegeplatz hat der Hund jedoch nicht. Soll er doch sehen, wo der sich hinquetscht. Das Geld vom Hund nimmt die DB gern, den Hund selbst jedoch nicht!
Wir bekennen uns zum Tierschutz, aber natürlich nur zu dem im Ausland. Wir sorgen uns um Straßenhunde am Arsch der Heide, stellen uns aber nie die Frage, ob es dem Straßenhund nicht vielleicht sogar besser geht als dem kastrierten Rüden aus Köln-Kalk, der zwar zweimal pro Woche Freilauf im staatlich genehmigten Hundeauslauf genießen darf, sich dort aber von den intakten Hunden verkloppen lassen muss. Es gibt unzählige Städte und Gemeinden mit einer permanenten 2-m-Leinenpflicht; inwiefern das nur ansatzweise artgerecht sein soll, ein Lauftier wie den Hund ausschließlich an der Leine zu führen, ist mir ein Rätsel. Hunde werden zunehmend dämonisiert und gelten als gefährlich, obwohl Aggression gegenüber dem Menschen der Natur des Hundes absolut widerspricht.

Der Hund wird wieder ausgegrenzt, weil man keine Ahnung von der Rolle des Hundes in der Geschichte hat und den unschätzbaren Beitrag des Hundes zur Entwicklung des Menschen aus Dummheit und Arroganz ignoriert. Mit der Ausgrenzung des Hundes aus unserer Gesellschaft stirbt jedoch ein weiteres Stück unserer Verbundenheit mit der Natur und ein weiteres Stück unserer Verbundenheit mit unserer eigenen Vergangenheit.
Der moderne Mensch hat anscheinend vergessen, dass es neben ihm noch andere Lebewesen gibt und dass Leben eben lebt. Dass Leben sich mitteilt, dass es Geräusche macht, dass es neugierig ist und dass es auch mal auf den Topf muss. Der moderne Mensch lässt seinem alten Kameraden Hund heutzutage fast keinen Raum mehr, keine Luft zum Atmen, keinen Platz zum Leben. Unser Kamerad wird inzwischen bis ins kleinste reglementiert und diszipliniert und hat im Prinzip jede Freiheit verloren. Nur als willenloses und hirnloses Accessoire, als Stofftier, als Kinderersatz wird er geduldet, aber wehe er zeigt Ecken und Kanten. Er wird entweder vermenschlicht oder verdinglicht: als Sportgerät, als Klicks-generierendes Lifestyleobjekt, als emotionale Krücke, als Prestigeobjekt, als Ersatz-Barbie, als austauschbares Wegwerfprodukt. Aussehen ist das, was zählt: Man sucht sich den neuen Hund nach seiner Optik aus und nicht danach, ob seine Rasse überhaupt in das eigene Leben passt.
Darum ist es an der Zeit, sich die jahrtausendealte Partnerschaft von Mensch und Hund wieder vor Augen zu führen. Der Hund ist ein Held, unser Held, mit dem wir so eng verzahnt sind, wie mit keinem anderen Tier. Wie wäre die Geschichte der Menschheit ohne den Hund verlaufen? Gäbe es überhaupt eine Geschichte der Menschheit? Der französische Kynologe Curvier bezeichnete den Hund jedenfalls als größte Errungenschaft des Menschen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!
Wir alle haben dem Hund unfassbar viel zu verdanken, daher hat der Hund auch seinen berechtigten Platz in der Mitte unserer Gesellschaft und nicht an deren Rand. Er ist Teil unserer Geschichte, unserer Vergangenheit und unserer Kultur. Und damit muss er auch Rechte haben! Er muss vor Gesetzen geschützt werden, die ihm jede Luft zum Atmen nehmen. Er muss vor Vermehrern und Hundehändlern geschützt werden, die ihm durch schlechte Zucht körperlich die Luft zum Atmen nehmen. Er braucht Schutz vor Gier, vor Tierquälerei, vor verantwortungslosen Hundehaltern und vor der Herabsetzung zur Spielpuppe, die man auf Ausstellungen wie eine Trophäe herzeigen kann. Er hat ein Recht auf ein artgerechtes, ideologiefreies Leben. Er hat ein Recht auf Freilauf, denn er muss sich als Lauftier mal richtig strecken können. Er hat ein Recht auf eine ordentliche medizinische Versorgung ohne Quacksalberei und auf eine rechtzeitige Sterbehilfe, damit er sich nicht quälen muss, nur weil wir nicht loslassen können. Auf all das hat der Hund ein Recht, denn er ist unser bester Freund. Er ist unser ältester Kamerad.
Nachtrag: Mit großer Freude habe ich vernommen, dass das Gebrauchshundewesen am 26. März in Berlin zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Was für eine tolle Nachricht! Ich denke ja, dass sämtliche alte Hunderassen es verdient hätten, zum Weltkulturerbe erklärt zu werden. Denn nichts anderes als das sind sie...
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